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Bonusmaterial
Ich hatte versprochen, Zusatzmaterial zu meinem Krimi zu zeigen. Das will ich nun tun. Als ich die ersten tastenden Schritte in Loras und Élis Welt tat, wollte ich zuallererst meine Protagonisten kennenlernen. Eine Methode, die ich geradezu genial finde, um sich die Charaktere zu erschließen, über die man schreiben möchte, besteht darin, für sie einen Tagebucheintrag zu verfassen. Die Hauptpersonen in meinem Krimi sind Lora Winter, Élia Dupreux und Luca Macon. Von jedem der drei gibt es einen Tagebucheintrag. Wenn euch die Personen also weiter interessieren, als man sie im Krimi kennenlernt, dann lest euch durch, wie sie selbst sich erleben.

Hier also erst mal ein Eintrag von Lora - und der sollte vorerst auch reichen ... Verzeiht die etwas flapsige Ausdrucksweise, aber in einem Tagebuch kommt es nun mal nicht so genau darauf an, nicht wahr ;D?



Tagebucheintrag von Dolores Winter (Lora)

Hmm, ich soll was über mich erzählen. Wo fange ich an? Erst mal mein Steckbrief:

 

 

Name: Dolores (ätz!), also Lora Winter

Alter: 12 Jahre

Augen: grün wie ein Laubfrosch oder wie ein Smaragd *grins*
Haare: dunkelbraune Wuschellocken. Manchmal liebe ich meine Haare, manchmal hasse ich sie. Glatte Haare sind eindeutig besser zu handhaben! Warum hat mein Vater mir seine blöden Locken vererbt?

Größe: 1,65. Ja, ganz schön groß – und ganz schön schlank, eher schon dürr. Im Prinzip ist das schon okay so. Ich tu ja auch was dafür.

Jede Woche zweimal Garde, zum Teil mit richtig schwierigen Hebe- und Sprung-Figuren. Also da wird nicht gekleckert. Ich tanze immer in der ersten Reihe - und viele Solos. In unserer Junior-Gruppe sind nur Mädchen, aber bald werde ich zu den Senioren aufsteigen, weil die dringend jemanden für den Paartanz brauchen. Und da bin ich mit meinem Fliegengewicht natürlich die ideale Besetzung. Übrigens war ich auch schon ganz oft das Funkenmariechen.

Tanzen ist meine große Leidenschaft. Ich habe es auch schon mit Singen probiert, aber … meine Stimme ist zu rau. Also irgendwie kriege ich die Töne nicht alle. Ist also zwecklos. DSDS muss wohl auf mich verzichten. Andererseits – ich habe ja noch ein paar Jährchen zum Üben *lol*.

Meine Eltern: Mam arbeitet als Journalistin und ist meistens bis nachmittags in ihrem Büro oder unterwegs. Paps ist Ingenieur und geht ganz normal seiner Arbeit nach wie alle. Für mich heißt das seit der Grundschule, nein eigentlich schon seit dem Kindergarten: Nachmittagsbetreuung. *schulterzuck* Was soll’s, hab mich früh dran gewöhnt. Alle sagen, dass ich sehr selbstständig bin. Ja, das stimmt wohl auch. Natürlich musste ich früh lernen mich durchzusetzen. Also nicht, dass ich angefeindet worden wäre. Aber man muss ja doch lernen, nicht hinten anzustehen, wenn es etwas zu holen gilt. Ich mag es nicht, wenn man drängelt, aber ich lasse mich bestimmt nicht nach hinten schieben!

Und natürlich habe ich früh gelernt, mich selbst zu kümmern, wenn ich etwas will. Angst habe ich sowieso keine. Ich bin ja fit und weiß, was ich kann. Also hole ich mir, was ich will und mache, was ich will. Manchmal nervt das wohl den einen oder anderen, aber das ist nicht mein Problem, oder? Das Leben ist wunderbar!

Was ich hasse: Langweiler, Angsthasen, Leisetreter.

Was ich liebe: Stracciatella-Eis, Tanzen, Toben, Lachen. Die französische Sprache hat es mir angetan, seit wir im Kindergarten eine Französin hatten, die spielerisch mit uns französische Lieder und Reime gelernt hat. Bin wohl auch begabt dafür, deshalb habe ich mir das Deutsch-Französische Gymnasium ausgesucht, als es um die weiterführende Schule ging. Meine Eltern waren erst überrascht, aber dann haben sie genickt. Klar, mit DER Schule hat man optimale Aussichten für später. Was ich mal machen will? Auf jeden Fall was mit Sprachen. Übersetzerin, Dolmetscherin, irgendsowas. Oder professionelle Tänzerin, Superstar *gröl*.

Meine Lehrer und ich: ein gespaltenes Verhältnis. Ich achte nämlich darauf, das wirklich Nötige, das Minimum, mitzukriegen. Und das reicht, um gute Noten zu bekommen. Und da mir Franz liegt, gibt es in der Sprache eh keine Probleme. In Mitarbeit und Verhalten habe ich die schlechtesten Noten auf dem Zeugnis. Naja, ich passe schon auf, dass ich nicht unter eine drei rutsche. Wenn ich zu viele Verwarnungen bekomme, dann reiße ich mich halt mal für ein paar Wochen zusammen. Klappt schon. Aber sonst. Hmm, ich sehe schon ein, dass es für die Lehrer manchmal schwierig ist. Wenn aber auch wirklich alle zu lahmarschig sind und die Antwort auf eine Frage oder eine Aufgabe offensichtlich ist – warum soll ich dann die Sache nicht abkürzen, indem ich sie laut in die Klasse rufe? Das kapiere ich nicht so ganz *zwinker*. Ist ja auch egal. Dann geht jedenfalls die Stunde schneller rum.

Was natürlich auch ein Problem ist: Die Lehrer meinen immer, sie wüssten alles besser. Wenn ich eine Anweisung bekomme, die Quatsch ist, dann sehe ich nicht ein, sie zu befolgen. Und solche Anweisungen gibt es nun mal. Wo ist das Problem, wenn ich VOR dem Klingeln schon aus dem Foyer hoch in den Gang vor unserer Klasse gehe? Oder wenn ich mein Handy mal vergessen habe auszuschalten? Mich ruft keiner in der Schulzeit an.

Naja, und wenn es ungerecht wird, dann lege ich mich auch mit den Lehrern an, ist ja klar. Das ist natürlich unbequem, seh ich ein. Am schwersten hat es unser Klassenlehrer, der Mathieu, mit mir. Der ist im Grunde schon ganz in Ordnung. Aber mir ist er manchmal einfach zu zäh. Und es muss immer ganz regelgerecht zugehen. Voll ätzend! Schon ein kleiner Scherz bringt ihn dann manchmal aus dem Konzept. Naja *schulterzuck*, ich glaube, wir haben uns trotzdem ganz gut aufeinander eingeschossen.

Meine Freunde: Ja, hätte mir das einer in der Grundschule gesagt, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Aber mein bester Freund (eben nicht Freundin) ist tatsächlich mein Mitschüler Éli, Élia Dupreux. Er ist Franzose, wohnt gleich hinter der Grenze in Sarreguemines und ist ein paar Monate älter als ich. Seine Eltern sind getrennt, und seit drei Jahren lebt er mit Mutter, Bruder und Schwester im Elternhaus der Mutter. Sie arbeitet als Oberschwester oder so im Krankenhaus. Keine so tollen Bedingungen! Éli hat früher in Paris gelebt. Sein Französisch ist allererste Sahne. Deutsch kann er deshalb nicht so gut. Aber seine Oma spricht den lothringischen Dialekt. Das ist total witzig. Élis Mama sehen wir nur selten, aber die ist unheimlich nett. Sie legt sich echt krumm für ihre Kinder. Éli geniert sich ein bisschen, weil sein Familienstand ihm keine großen Sprünge erlaubt. Aber er verdient sich mit kleinen Jobs etwas Geld, damit er sich trotzdem das Eine oder Andere finanzieren kann. Er ist echt fit mit dem PC und allem, was dazu gehört. Er besucht, wie ich, die Étude. Wir haben uns sofort super verstanden. Ich fand es halt auch klasse, dass ich mit ihm Französisch sprechen musste, weil er nur wenig Deutsch konnte zu der Zeit. Wir haben von Anfang an viel zusammen gelacht. Im Ernst: wann trifft man schon einen Jungen, mit dem man echt lachen kann?

Éli ist ein richtiger Kumpel. Wir verbringen sehr viel Freizeit miteinander. Er hat auch schon bei mir übernachtet und ich bei ihm. Ist aber alles rein freundschaftlich, natürlich.

Éli hat natürlich die besten Manieren, ist auch ein sehr guter Schüler. Er hat mal gesagt, dass er das seiner Mutter schuldig ist. Ja, so ist er. Sehr verantwortungsbewusst. Aber kein Langweiler. Wir gehen gern zusammen auf Tour, durch die Stadt oder auch durch die Prärie. Ist uns doch egal, wenn die anderen lieber vor ihren diversen Flimmerkästchen verblöden. Wir wissen, dass die Dinger einen Aus-Schalter haben, und ich drücke da einfach drauf. Auch wenn Éli manchmal schon den stieren Blick hat und vom Bildschirm nicht weg will. „Tu as raison“, sagt er dann und lässt sich doch breitschlagen, nach draußen zu gehen.

Eines noch: Éli ist zurückhaltend und vorsichtig. Ich bin eher quirlig und draufgängerisch. Ich trete ihm also manchmal in den Hintern, damit er selbigen hoch kriegt, und er bremst mich manchmal aus. Damit hat er mich schon das eine oder andere Mal vor einer Dummheit bewahrt. Wenn ich noch an die Idee mit dem Farbeimer denke … War besser, es nicht zu tun. Bestimmt wäre es da nicht bei einer Verwarnung geblieben.

Also, ich glaube, das wär’s dann über mich … Vielleicht noch ein paar Worte zu Luca, der sowohl Éli als auch mich ziemlich beeindruckt: Luca ist 17 und Betreuungsschüler in der Étude, einmal die Woche. Er ist ein ganz toller Kerl, sieht einfach umwerfend aus, hat total geschmackvolle Kleider, einen coolen Haarschnitt, es stimmt einfach alles. Ist auch total durchtrainiert. Und dann ist der auch noch so total nett …

So, das soll jetzt aber wirklich reichen!

 
Aus meiner Schreibwerkstatt:

Ich stelle gerade fest, dass ich schon länger nicht mehr hierhergeschaut und etwas notiert habe. Das hole ich hiermit nach. Vielleicht ein paar Details aus meiner Schreibwerkstatt? Vor zwei Wochen begann ich, einen neuen Roman zu planen. Richtig, zu planen. Inzwischen habe ich mir tatsächlich angewöhnt, vor dem Schreiben zu plotten. Aber vor dem Plotten kommt bei mir noch etwas anderes - meistens: der Entwurf der Charaktere. Ich wusste, ich möchte eine Geschichte über eine ungewöhnliche Person erzählen. Na prima, das ist ja mal eine erschöpfende Idee, oder? Eine ungewöhnliche Person also ... Hmm, inwiefern denn ungewöhnlich? Und was soll mit dieser Person denn geschehen? Ich erzähle an dieser Stelle keine inhaltlichen Details, auch keine Einzelheiten über meine Protagonisten, die ich inzwischen kenne wie Familienmitglieder. Aber über meinen Weg zu ihnen - oder ihren Weg zu mir erzähle ich gerne ein wenig. Vielleicht kann ich damit sogar jemand anderem, der gerne schreibt, noch einen Tipp geben, wie man es machen könnte.

An anderer Stelle hatte ich schon mal erzählt, dass ich mich gerne in meine Protagonisten hineinversetze, um einen Tagebucheintrag in ihrem Namen zu verfassen. Damit finde ich in der Regel sehr schnell die Erzählstimme und weiß auch plötzlich, wie meine Geschichte verlaufen könnte, zumindest ungefähr.
Bevor man jedoch jemandes Tagebuch schreiben kann, muss man doch einige Einzelheiten über die Person schon wissen. Wie sich ihr nähern? Ich halte es da gerne mit Frey ("Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" und andere) und stelle mir als allererstes das Äußere der Person vor, die "physiologische Dimension". Männlein oder Weiblein, wie alt, wie sieht er/sie aus, was trägt er/sie, hat er/sie spezielle körperliche Eigenheiten usw. Meine Protagonistin ist weiblich, ihr Aussehen ist mir ebenso klar wie ihr Alter (wobei es diesmal auf ein, zwei Jahre nicht ankommt), und auch ein körperliches Merkmal brennt sich mit ihrer Gesamterscheinung schon in meinem Kopf ein. Wunderbar! Ihr Aussehen nämlich lässt schon viele Rückschlüsse auf die nächsten beiden Dimensionen zu.
Da hätten wir als Punkt 2 die "soziologische Dimension": Wo kommst du her, wo gehst du hin? Salopp ausgedrückt ;D. Aus welchem Elternhaus stammt die Prota, wie ist ihr Verhältnis zu den Eltern, hat sie Geschwister, wie versteht sie sich mit denen? Welcher Arbeit geht sie nach, welche Ausbildung hat sie genossen, wie kam sie im allgemeinen mit ihrer Umwelt zurecht? Punkt 1 und Punkt 2 hängen natürlich miteinander zusammen, denn eine schwere Krankheit von Geburt an wirkt sich beispielsweise ein Leben lang auf das Familienleben aus. Aber auch ein kleines körperliches Detail kann das Familienleben, die Schulzeit, das Studium bzw. die Ausbildung prägen. Wenn dieser Einblick in das geheime Leben meiner Protagonistin sich aufgetan hat, dann ist sie und bin ich reif für den dritten Punkt - nämlich die "psychologische Dimension". Alles ruhig und gleichmäßig verlaufen - oder haben sich da etwa Ticks, Marotten, Schrullen entwickelt? Wie wirkt sich die Beziehung zu den Eltern auf die Beziehungen zu anderen Erwachsenen aus? Welcher Beruf passt wirklich? Hat die Prota verschiedene Jobs ausprobiert oder von Anfang an die richtige Wahl getroffen? Und dergleichen mehr.
Wenn dies alles steht, dann ist normalerweise der Zeitpunkt für einen Tagebucheintrag gekommen. Manchmal aber auch nicht. Dann weiß ich aber schon, welche Geschichte ich über die Prota erzählen will, dann hat sich im Idealfall auch der Antagonist bereits blicken lassen.
Dieses Mal war es so: Tagebucheintrag - nein, sie weigerte sich, die Dame. Sie ließ mich ihre Stimme nicht hören, zierte sich, war zu schüchtern. Also mal nach dem Antagonisten schielen: Prima, der zeigt sich gerne und lässt mich schnell und zügig in sein Inneres blicken. Also halte ich erst mal für ihn die drei oben genannten Dimensionen fest. Dann kann es ja jetzt losgehen. Ich stelle ihm, dem Antagonisten, folgende Frage : "Und, darf ich von dir einen Tagebucheintrag schreiben?" - "Bist du verrückt? Ich bin ein Mann! Wieso bildest du dir ein, du könntest in meinem Namen einen Tagebucheintrag verfassen?" - "Na ja, du wärest nicht der erste Charakter, der das zulässt." - "Die anderen vielleicht, aber ich nicht. Vergiss das sofort wieder!"
Äääh ... und nun? Beide widersetzen sich einem von mir, ihrer Schöpferin, in ihrem Namen verfassten Tagebucheintrag? Gut, dann muss ich andere über sie erzählen lassen. Oder sie interviewen. Gut, mache ich als nächstes.
Dann kam aber plötzlich der Plot dazwischen: Lag er fast eine Woche lang noch im Unklaren, so tauchte er plötzlich auf. Ich hatte ihn!!! Schrieb ihn sofort nieder, als Stufendiagramm (wieder Frey, s.o.). Statt Stufendiagramm kann man auch ganz anders vorgehen, man kann z.B. die Scheeflockenmethode anwenden, die ist umfassender. Aber mir ist das Stufendiagramm lieber, weil es mir hintenraus mehr Freiheit lässt. Ich möchte nicht schon vorher soo viel über den Ablauf der Geschichte wissen. Und mir scheint, dass ich schon sehr viel weiß. Jedenfalls steht am Ende einer Woche der Plot. Überraschend, rund, schön!
Und dann ist da plötzlich eine dritte Stimme, die will unbedingt den Roman beginnen, und zwar ganz anders, als ich überhaupt je gedacht hätte. Putzig! Ich lasse die Stimme einfach, die gibt mir auch den Stil vor, in dem sie sich äußern will. Und siehe da, kaum hat diese Stimme die ersten Seiten vorgegeben, schon ist mir auch klar, wie ich den Rest schreiben will. Ich habe die äußere Form meines Romans entdeckt. Drei Perspektiven gibt es, und jede davon ist ganz anders als die anderen beiden. Prima! Ich bin wie elektrisiert und springe endgültig hinein in das Projekt. Es läuft wie von alleine. Selbstzweifel und der Gedanke, ob ich da was Lesbares schaffe, eingeschlossen. Aber es läuft, und es hat das Potential, mich in Trance zu versetzen. Meinen Rücken spüre ich nicht mehr, meine Finger sind durch ein unsichtbares Band an die Tastatur geknüpft - und meine Augen sehen immer zuerst meine Protagonisten, bevor sie erkennen, welches meiner realen Kinder mich gerade angesprochen hat.


Zurzeit lese ich  
  "Das Parfum" von Patrick Süskind

"Martha im Gepäck" von Ulrike Herwig

"Das Magdalena-Evangelium" von Kathleen McGowan, übersetzt von Rainer Schumacher und Barbara Först


 
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