Autoreninterview


Interview mit Alex Thomas, dessen neustes Werk "Engelspakt" (blanvalet) im Juli 2012 erschienen ist. Lesen und staunen Sie mit mir über die sehr interessanten Antworten des Autorenpaares, das hinter Alex Thomas steckt. Im Anschluss an das Interview finden Sie meine eigene Rezension zu dem Werk.

Bitte beachten Sie auch hier mein copyright. Wenn sie das Interview gerne zitieren möchten, nehmen Sie einfach Kontakt zu mir auf. (mail: angelikalauriel(at)gmx.de)

Interview mit Alex Thomas

 

Angelika Lauriel: Lieber Alex Thomas, vor wenigen Wochen ist Ihr Thriller „Engelspakt“ beim blanvalet-Verlag erschienen (Taschenbuch, 561 Seiten, ISBN 978-3-442-37989-7, € 9,99[D], €10,30[A])

Es handelt sich dabei um eine Fortsetzung zu „Lux Domini“, ebenfalls blanvalet.

Der Tag wird kommen …

Mitten in der Nacht bricht Kardinal Ciban, der Chef der Glaubenskongregation, schwer verletzt auf Schwester Catherine Bells Türschwelle zusammen. Kurze Zeit später wird in Rom die fürchterlich zugerichtete Leiche des Cambridge Professors Alan Scrimgeour entdeckt, mit dem Ciban unmittelbar zuvor in Kontakt stand. Bei dem Treffen ging es um neue Hinweise im mysteriösen Mordfall seiner Schwester Sarah. Die Suche nach Scrimgeours Mörder und Cibans Angreifer führt Catherine zu einem rätselhaften Jungen und zu einer Macht, die alles, was ihr bisher an Bösem begegnet ist, in den Schatten stellt …

 

Eine Frage vorweg: Kann man diesen Thriller lesen, ohne den Vorgänger, „Lux Domini“ zu kennen?

Alex Thomas: Ja. Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass “Engelspakt” unabhängig von „Lux Domini“ gelesen werden kann. Deshalb ist auch ausreichend „Lux“-Background in unseren Fortsetzungsroman eingeflossen, damit unsere neuen Leser die Motivationen der Figuren und die Bandbreite des Roman-Universums nachvollziehen können.

 

AL: Der Klappentext und das geheimnisvolle Cover deuten, zusammen mit dem Titel, unzweifelhaft darauf hin, dass der Roman mit der (katholischen) Kirche zu tun hat. Wie sind Sie dazu gekommen, über die Kirche zu schreiben? Gab es einen äußeren Anstoß?

AT: Die fast 2.000 Jahre alte Geschichte des Vatikan hat uns schon immer fasziniert. Vom Frühchristentum bis heute hat die katholische Kirche einen Machtapparat aufgebaut, der seinesgleichen sucht. Neben Kirchengeschichte fasziniert uns aber auch die wissenschaftliche Forschung. Verbindet man beides in einem Roman, ergibt sich ein äußerst spannendes Konfliktfeld. Dort hinein “werfen” wir unsere Figuren, allen voran unsere Heldin Catherine Bell.

 

AL: Wie haben Sie für das „Insider“-Wissen zu katholischer Kirche und Vatikan recherchiert? Und wie lange?

AT: Die eine Hälfte von Alex Thomas wurde katholisch erzogen und kennt daher die katholischen Werte und Moralvorstellungen aus erster Hand. Die andere Hälfte von uns hat seit gut 2 Jahrzehnten etliche Sachbücher und -artikel rund um den Vatikan und die katholische Kirche studiert. Darüber hinaus haben wir seit unserer Jugend diverse ZDF- oder BBC-Dokumentationen zum Thema verfolgt. All das regt die Phantasie an. Denn wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.

 

 

AL: Catherine Bell und andere Personen in Ihrem Roman verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten. Wie haben Sie zum Thema „mediale Hochbegabung“ recherchiert? Haben Sie selbst derartige Erfahrungen gemacht oder von Menschen gehört – sie vielleicht sogar befragt -, die welche gemacht haben?

AT: Die Geschichte der katholischen Kirche ist voll von Mythen und Wundern und von daher schon ein Quell der Inspiration. Visionen, Prophezeiungen, Erscheinungen findet man zuhauf in religiöser Literatur. Da liegt der Gedanke an ein Institut für medial Hochbegabte nicht fern. Auch faszinieren uns autistische Veranlagungen und Inselbegabte mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten (doch davon mehr im 3.Roman). Wir haben jedoch nie selbst eine „außergewöhnliche“ Erfahrung in dieser Richtung gemacht oder sind einem entsprechenden Menschen persönlich begegnet.

 

AL:  Auch über Engel erfährt der Leser einiges an „altem“ Wissen, u. a. die Sicht der Kirche auf die Engelhierarchien. Da stellt sich gleich die Gretchenfrage: Wie haltet ihr es mit der Kirche? Bzw. „Glauben Sie an Engel?“ Das ist eine sehr persönliche Frage, die Sie so genau oder so ausweichend beantworten können, wie Sie möchten.

AT: Das Faszinierende am Autorendasein ist, dass man seinen Figuren Ansichten geben kann, die von den eigenen sehr stark abweichen. Man kann sich mit anderen Moralvorstellungen und deren Auswirkungen befassen. Man kann Morde begehen und rechtfertigen. Die Höhen und Tiefen des Menschseins ausloten. Daher sind unsere persönlichen Ansichten und unser Glaube letzten Endes irrelevant.

 

AL: Folgendes Zitat findet sich auf S. 62: „Du kannst wählen zwischen der Wahrheit und der Ruhe, aber beides zugleich kannst du nicht haben!“ (Ralph Waldo Emerson). Inwieweit trifft diese Aussage auf Sie zu? Können Sie eine Äußerung darüber treffen, was in Ihrem Roman Wahrheit ist und ob es Ihnen um Wahrheit geht oder „einfach“ um einen spannenden Thriller?

 

AT:  Zuallererst sind wir Geschichtenerzähler, in deren Natur es liegt, die Dinge zu hinterfragen. Dabei stößt man bisweilen auf Antworten, die einem wenig behagen. Genau diese Erfahrung macht auch unsere Protagonistin Schwester Catherine Bell, als sie plötzlich mit dem Anschlag auf Kardinal Ciban und einem Mordfall konfrontiert wird, dessen Motivation am Ende eine Wahrheit aufdeckt, die sie sich in ihren kühnsten Träumen so nicht hätte ausmalen können. Catherine erkennt, dass Wahrheit letztendlich auf vielen Ebenen zu finden ist. Und so gesehen beleuchten wir, was auch viele unserer Autorenkollegen beleuchten: Das, was uns Menschen ausmacht. Die “human condition”, wie es Gene Roddenberry ausdrückte.  

AL: Einige Fragen zum Schreibhandwerk haben sich für mich ebenfalls gestellt. Fangen wir mit der einfachsten an: Wie lange? Wie lange brauchen Sie für einen solchen Roman, angefangen bei den Vorarbeiten incl. Recherche bis zum Endlektorat?

AT: Für „Engelspakt“ brauchten wir etwa 9-10 Monate, inklusive der Planung beziehungsweise dem Entwurf des 3-seitigen Exposés. Recherchiert wurde während des Schreibens nur noch für Detailfragen, da das Lesen von Sachinhalten zum alltäglichen Hobby gehört.

 

AL: Wie plotten Sie? Sie haben viele Handlungsstränge (mindestens fünf, wenn ich richtig gezählt habe) und damit unterschiedliche Perspektiven gewählt, die Sie kapitelweise voneinander trennen. Dadurch entsteht eine enggewobene Geschichte, bei der man trotzdem immer recht kleine Einheiten dargeboten bekommt – die Kapitel sind verhältnismäßig „kurz“ gehalten.

Gibt es im Vorfeld einen Grobplot, den Sie immer weiter verfeinern?

Planen Sie jeden Handlungsstrang /jede Perspektive einzeln, und wie exakt? Legen Sie die Reihenfolge der Szenen vorher bereits fest?

AT: So detailliert entwickelten wir den Roman nicht im Voraus. Für „Engelspakt“ schrieben wir ein 3-seitiges Exposé, wobei die eine Autorenhälfte von uns den Clou ausarbeitet und den ersten Entwurf macht und der Partner dann Ideen beisteuert und den Plot auf Herz und Nieren prüft. Das Finale steht dabei von Anfang an fest, da es sich bereits aus dem Lesen und Verknüpfen diverser Sachinhalte ergibt. Das Exposé wiederum basiert auf dem größeren Grundgewebe unseres Romanuniversums, auf dem die verschiedenen Romane in etwa platziert sind. Erst während des eigentlichen Romanschreibens werden dann die Nebenstränge um die Haupthandlung gewoben. Die Nebenstränge existieren bis dahin in einer Art Kopfkino, das schon während des Exposé-Entwickelns mitläuft, und sind nicht in Stein gemeißelt.

 

AL: Wie sieht das Schreiben zu zweit aus? Schreibt immer dieselbe Person an denselben Perspektiven? Schreibt einer „vor“, der andere überarbeitet?

AT: Als wir mit dem gemeinsamen Schreiben anfingen, haben wir pro Geschichtenprojekt genauso gearbeitet. Einer gibt die Storyrichtung vor, der andere lektorierte, hinterfragte, überarbeitete. Ein bisschen, wie Holmes und Watson in wechselnden Rollen pro Fall. Das haben wir bis heute beibehalten, einfach weil es funktioniert und harmoniert. Man könnte auch sagen, die Gene sind von uns beiden, und einer von uns trägt das Buchkind aus. Wobei die Gene des Hauptautors natürlich schon dominieren.

 

AL: Ist ein dritter Teil zu „Lux Domini“ und „Engelspakt“ vorgesehen? Haben Sie schon mit der Arbeit begonnen?

AT:  Ja. Der 3. Roman ist bereits in Arbeit. Hier wird der Gentechnik-Konzern „Re-Source“ eine größere Rolle spielen und der geheime Orden der „Triaden“. Genau genommen transportieren wir einen christlichen Mythos direkt in die Gegenwart. Und natürlich müssen unsere Figuren wieder ganz schön ran, um sich und die Welt vor dem Untergang zu retten! :-)

 

AL: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Verlag/Agentur aus? Zu welchem Zeitpunkt tauschen Sie sich über Ihre Pläne mit Ihrem Agenten beziehungsweise mit dem Lektor aus? Wann schreiben Sie Ihr Exposé, und bleibt es in der Regel bei der darin aufgerissenen Geschichte?

AT:  Unsere Literaturagentin Lianne Kolf weiß seit Jahrzehnten mit Verlagsangelegenheiten umzugehen und nimmt uns diese sehr zeitintensive Arbeit Gott sei Dank ab. Auch erhalten wir von ihr ein konstruktives Feedback auf unsere Storyideen und unsere Manuskripte. Danach geht das Manuskript dann Richtung Verlag, und wir erhalten von unserer Lektorin Eléonore Delair und unserer Redakteurin Angela Troni Rückmeldung. An dieser Stelle wird das Manuskript noch einmal auf Logik, Struktur und gute Leserverständlichkeit abgeklopft. Anschließend geht der Text in Produktion.

 

AL: Hatten Sie Einfluss auf die Titelwahl, das Cover, den Klappentext?

AT: Die endgültigen Titel beider Bücher stammen vom Verlag. Wir hatten natürlich unsere Arbeitstitel, doch die Vorschläge unserer Lektorin überzeugten uns sofort. Was die Buchcover angeht, wurden wir nach möglichen Motiven als Anregung gefragt. Die jeweiligen Ergebnisse der Cover-Entwürfe von bürosüd° aus München haben uns jedes Mal überrascht und begeistert. Vor allem das Buchcover zu „Engelspakt“, ist es doch von einer unserer Lieblingsszenen im Roman inspiriert. Bei den Klappentexten wurden wir miteinbezogen. All das Teamwork macht uns sehr viel Spaß.

 

AL: Als Information über den Autor erfährt man im Buch folgendes: Alex Thomas ist das Pseudonym eines im Westen Londons lebenden Autorenehepaares. Sie arbeitet seit über zwei Jahrzehnten im Buch- und Medienbetrieb. Er forscht und lehrt als Professor an einer Londoner Universität. Beide entdeckten ihre gemeinsame Liebe für Geschichte, Wissenschaft und das Schreiben.

Wann, wie und wo haben Sie beide sich getroffen? Wann haben Sie gemerkt, dass Sie gemeinsam schreiben wollen, wie kamen Sie zum Schreiben? Und gibt es auch „Einzelwerke“ von Ihnen beiden?

AT: Wir haben uns über unser damaliges Hobby die „Sciencefiction“, genauer Star Trek, im Fandom kennengelernt. Unabhängig voneinander hatten wir zu der Zeit schon erste Schreiberfahrungen gesammelt und schließlich gemeinsam Fanzines lektoriert. Sehr bald fanden wir heraus, dass die Art unseres Denkens und Schreibens sehr gut zusammenpasst. Nein, Einzelwerke gibt es keine von uns. Aber wir haben noch das ein oder andere Einzelprojekt in der Schublade und werden einfach mal schauen, was damit geschieht.

 

AL: Wie sieht der Alltag als Schriftsteller aus?

AT: Für die Wissenschaftler-Hälfte von uns fällt das Romanschreiben ausschließlich in die karge Freizeit als Advocatus Diaboli, Lektor und Co-Autoren-Ideengeber. Die zweite Hälfte von uns ist sozusagen die Hauptautorin. Und hier sieht der „ideale“ Tag so aus, dass nach der Hausarbeit zwischen 10 Uhr morgens und 14 Uhr mittags drei bis vier Stunden am Roman geschrieben wird. Danach geht es an die Korrespondenz oder an kleinere Arbeiten für unsere Autorenzeitung „The Tempest“ (Anfragen beantworten, Korrekturlesen, Website-Arbeit ...), ans Lesen von Sachtexten (die nicht unbedingt etwas mit dem aktuellen Romanprojekt zu tun haben müssen) und an die Vorbereitung des nächsten Schreibtages.

 

AL: Was macht Ihrer Ansicht nach eine(n) gute(n) Schriftsteller(in) aus?

AT:  Das beantworten wir gerne als Leser: Ein guter Autor ist für uns ein Geschichtenerzähler, der seine Leser vergessen lässt, dass sie eine Geschichte lesen.

 

AL: Sie sind Mitbegründer von "autorenforum.de" sowie Herausgeber des dort erscheinenden elektronischen Informationsmagazins "The Tempest". Haben Sie einen Tipp für angehende AutorInnen, der Ihnen bei einer solchen Frage immer als erstes in den Sinn kommt?

AT: Lesen, lesen, lesen. Vor allem bewusst, also aktiv, nicht nur als Konsument. Wie stellen andere Autoren zum Beispiel Figuren dar? Wie wird eine Rückblende eingeleitet? Welche Zeitformen werden verwendet? Wie wird eine Action-Sequenz beschleunigt/verlangsamt? Warum verliert man in einer komplexen Szene des einen Autors den Überblick, während man sich in der komplizierten Szene einer anderen Autorin problemlos zurechtfindet?

Dann schreiben, schreiben, schreiben, denn durch Lesen allein eignet man sich zwar Wissen jedoch noch lange keine Schreiberfahrung an. Das ist wie mit dem Schwimmen oder Radfahren. Man muss es auch tun!

Nach den ersten persönlichen Schreiberfahrungen ruhig auch einen Blick in Schreibratgeber werfen. Die einen Ratgeber erklären einem, wie der Buchmarkt funktioniert, wie z. B. Agenten und Verleger denken. Andere wiederum sind ausgezeichnete Schreibratgeber, die einem wertvolle Tipps für den Aufbau von Szenen, von Dialogen oder Plot-Strukturen geben können. Ebenso gut sind seriöse Internetforen für Autoren und den Autorennachwuchs. Um eines zu nennen: DSFo.de (Deutsches Schriftstellerforum).

Weitere Tipps haben wir auf unserer Autorenhomepage unter der Rubrik „Übers Schreiben“

zusammengestellt. (Siehe: ankhuniversum.wordpress.com/uber-das-schreiben/)

AL: Was lesen Sie selbst zurzeit?

AT: Zufälligerweise lesen wir zurzeit beide “Dystopia” von Patrick Lee, eine sehr gelungene Fortsetzung seines Technologie-Thrillers “Die Pforte”. Sehr empfehlenswert.

 

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Meine Rezension:
Dan Brown kann einpacken. Aber so plakativ - das ist nicht meine Art. Also begründe ich, warum ich es so sehe.

Engelspakt ist hervorragend recherchiert, es steckt fundiertes Wissen darin, das liest man in und zwischen allen Zeilen. Die Charaktere sind wunderbar ausgeklügelt und ausgelotet, niemand bleibt blass oder unglaubwürdig (und das ist für mich immer ein wichtiger Punkt). Außerdem ist die Geschichte von Anfang bis Ende spannend, die Zusammenhänge werden erst nach und nach, häppchenweise aufgedeckt.

Die zahlreichen Handlungsstränge sind so geschickt miteinander verwoben, dass man fast ohne es zu merken sein eigenes Gesamtbild konstruiert. Extrem dicht erzählt, in kurzen Einheiten dargeboten. Dazu kommt einiges an sogenanntem "Grenzwissenschaftlichem", ohne dass die Autoren jedoch eine eigene Meinung postulieren oder gar "mit dem Schwert durchzusetzen versuchen". Jede(r) kann sich also soviel an "Wahrheit" mitnehmen, wie er/sie selbst mit seinem/ihrem Glauben oder Lebensmodell vereinbaren kann. Trotz dieses Anteils an "Streitbarem" funktioniert der Thriller für alle LeserInnen - meiner Ansicht nach - weil er schlicht und einfach eine extrem spannende Geschichte erzählt, und zwar auf meisterliche Art. Deshalb finde ich ganz persönlich: Dan Brown kann einpacken. Es gibt Alex Thomas!

Volle Punktzahl von mir.