Schüssel mit Sprung

Chicklit, Komödie, Liebesroman

Bookshouse 2014

ISBN: 978-9963523733

€12,99

e-Book 4,49

276 Seiten

 

Welch eine Hiobsbotschaft: Sanne, glücklich verheiratete Mutter zweier Kinder, muss für drei Wochen die Schwiegereltern aufnehmen, weil deren Haus renoviert wird. Ex-Schuldirektor Matthias plant alles generalstabsmäßig durch und reagiert auf Unvorhergesehenes nervös, während Rosemi ihren Putzfimmel in vollen Zügen auslebt. Beide Eigenschaften liegen der künstlerisch arbeitenden Sanne nicht sehr. Wirklich kritisch wird es, als ihr Mann Axel plötzlich auf Geschäftsreise muss. Wie soll sie bloß zwischen den Hardcore-Alpinisten, ihrer eifersüchtigen Mutter und den meuternden Kindern heil hindurchnavigieren? Das Chaos wächst, weil ihr ein arbeitsreicher Illustrationsauftrag erteilt wird. Unter solchen Umständen kann sie unmöglich auch noch Hausputz machen. Als ein Unfall Sanne zu ein paar Tagen Ruhe im Alpiklinikum zwingt, denkt sie zuerst an einen Segen, wäre da nicht ihre Jugendliebe, die nun auch noch ihre Gefühlswelt auf den Kopf stellt. Ist Kai der edle Ritter, der zu ihrer Rettung aus dem Durcheinander eilt?


"Die Geschichte ist so herzerfrischend komisch, chaotisch, selbstironisch und witzig geschrieben, dass man sofort Teil von Sannes kleiner Familie wird ..." (Leserin Carmen Vicari auf Amazon)

"Man sollte sich Sanne und ihre Chaosfamilie auf keinen Fall entgehen lassen. Volle Punktzahl." (Bloggerin Aly auf Amazon)


Buchtrailer


Leseprobe:

1
Die Wanderschuhe



   »Mama?« Linas Zeigefinger malt sachte eine Linie von meiner Augenbraue bis zum Mundwinkel.
   »Hm?« Verschlafen öffne ich ein Auge und sehe das Gesicht meiner sechsjährigen Tochter in Übergröße vor mir auf dem Kopfkissen. Ich lächle und ziehe sie an mich. Sie fühlt sich warm und weich an und duftet so gut.
   »Wer ist eigentlich älter, du oder die Oma?« Lina nimmt den Finger aus meinem Gesicht, schiebt ihren Arm um meinen Hals und kuschelt sich noch enger an mich.
   Bis eben habe ich ihre Liebkosungen genossen, aber jetzt sickert ihre Frage in mein Hirn und löst Abwehrreaktionen aus. Unsanft schiebe ich sie zur Seite und springe aus dem Bett.
   »Mama? Was ist denn? Ich will doch noch kuscheln!«
   »Geh zur Oma kuscheln!« Ich gebe zu, mich durchzuckt der Gedanke, dass es vielleicht unfair ist, eine Sechsjährige die Probleme ausbaden zu lassen, die man selbst mit dem Älterwerden hat. Aber irgendwo gibt es eine Grenze, oder?
   Lina tapst hinter mir her zum Badezimmer. Ich schließe die Tür von innen ab. Ob ich älter bin oder die Oma. Ich schnalze empört mit der Zunge.
   Von unten höre ich Axel rufen. »Na, wo sind denn meine Mäuse?«
   »Hier«, singt Lina und hüpft die Treppe hinunter.
   »Nicht da«, grummle ich und beuge mich vor zum Spiegel. Das verschlafene Gesicht darin zieht prüfend die Brauen hoch und zeigt mir allzu deutlich, was ich überhaupt nicht sehen will: wie straff oder weniger straff sich meine reife Haut ab vierzig über die Wangenknochen spannt. Gar nicht mal übel heute. Da kann das Gesicht im Spiegel auch wieder lächeln. Ich erschrecke: Tausend Fältchen lassen die Haut um die Augen herum in Splitter zerspringen. Erkenne ich darin meine Mutter wieder?
   »Das sind Lachfältchen«, tröste ich mich. »Axel hat dich deswegen geheiratet.« Hat er tatsächlich. »Warum wolltest du mich eigentlich?«, fragte ich ihn vor dreizehn Jahren nach dem Standesamt.
   »Weil mich dein Lächeln umgehauen hat«, antwortete er.
   Ich erledige schnell meine Morgentoilette und gehe hinunter in die Küche. Axel und unser Großer, Keanu, beenden gerade ihr Frühstück. Sie müssen früher los als Lina und ich. Im Gehen küsst Axel mich. »Du weißt ja, ich bin erst in drei Tagen wieder zurück.«
   Mist. Das habe ich vergessen. Er fährt auf Geschäftsreise. Drei Tage ohne Mann, ohne Papa. Das bedeutet, morgens schon um sechs aufstehen statt um halb sieben. Das heißt aber auch, freie Wahl des abendlichen Fernsehprogramms. Ich umarme meinen Mann. »Gute Reise und viel Erfolg.«
   Während Lina ihr Müsli in sich hineinschaufelt, werfe ich einen Blick auf den Wandkalender. Heute um halb sieben Elternabend im Gymnasium, morgen Nachmittag Schultütenbasteln im Kindergarten. Da haben wir den Salat. Zwei Termine, für die ich meine Mutter brauche. Heute Abend zum Babysitten und morgen, um Keanu zum Handballtraining zu bringen. Bei dem Mistwetter will ich ihn nicht mit dem Rad fahren lassen. Tja, und heute muss ich unbedingt noch den letzten drei Illustrationen für das Kinderbuch vom Schweinchen mit den grünen Streifen den Feinschliff geben. Also wird Mama Lina vom Kindergarten abholen, damit ich den Vormittag zum Arbeiten habe. Wenigstens das ist schon geregelt.
   »Lina, ich rufe noch schnell Oma Hilde an.«
   »Ich will auch mit ihr reden.«
   Ich stehe schon am Telefon und höre das Freizeichen. Mit schlechtem Gewissen schiele ich auf meine Armbanduhr. Halb acht. Hoffentlich hole ich sie nicht aus dem Bett. Jetzt noch aufzulegen, wäre ja Quatsch. Es hat schon zwei Mal geläutet. Erst nach dem sechsten Klingeln hebt sie ab.
   »Schellenberg?« Wie immer legt sie einen Schlenker in den Namen und geht am Ende mit der Stimme hoch. Nur meine Mutter kann so viel in ihren Namen stopfen: Einen wunderschönen guten Tag. Ich weiß zwar nicht, wer mich gerade stört, aber ich hoffe, Sie haben einen guten Grund dafür. Also, worum geht es denn?
   »Guten Morgen, Mama, hier ist Sanne.« Ich zucke schon zusammen, bevor sie antwortet.
   »Dein Name ist Susanne. Das predige ich dir seit vierzig Jahren.«
   Mist, da habe ich ihr doch glatt den Tag versaut. Hektisch winke ich Lina herbei. »Komm Maus, sag der Oma Hallo«, flüstere ich ihr zu. Lina hopst mit leuchtendem Gesicht zur Telefonbank und nimmt den Hörer. Ich drücke auf die Lautsprechertaste.
   »Oma«, ruft Lina, und sofort lässt meine Mutter ihr gurrendes Ich-liebe-meine-Enkelin-Lachen hören. Erleichtert atme ich aus.
   »Guten Morgen, mein Schatz. Na, wie geht es dir?«
   »Prima. Oma, ich habe Mama gefragt, wer älter ist, sie oder du, aber sie hat mir keine Antwort gegeben. Wer ist denn nun älter?«
   Das Lachen, das meine Mutter jetzt ausstößt, gurrt noch mehr. »Sag mal, habt ihr den Lautsprecher eingeschaltet?«
   »Ja.«
   »Dann schalt den doch mal aus, Linaschatz.«
   »Okay.« Nichts zu machen. Lina drückt auf den Knopf. Er hört auf, zu leuchten, und sie hält ihre Hand darüber. Ein Handgemenge mit meiner kleinen Tochter will ich mir nicht liefern. Das kriegt Mama mit. Meine Mutter kriegt ziemlich oft ziemlich viel mit. Immer schon. Aber das hat auch Vorteile. Sie ist keine dieser Mütter, die ab sechzig ständig gepampert werden wollen. Ich beobachte meine süße, blond gelockte Tochter, die das Näschen kräuselt und kichert.
   »Okay, ich geb dir wieder die Mama«, sagt sie und flitzt ins Gäste-WC, wo sie sich gründlich Hände und Gesicht wäscht, wie ich durch die halb offene Tür sehen kann. Das schafft auch nur meine Mutter.
   »Du hast doch bestimmt einen Grund, weshalb du anrufst? Dass ich Lina heute abhole, hatten wir ja schon besprochen.«
   »Ja, Mama. Axel muss kurzfristig für drei Tage auf Geschäftsreise. Heute Abend findet im Gymnasium ein Elternabend statt, und morgen Nachmittag muss ich zum Schultütenbasteln in den Kindergarten.«
   »Hm.«
   »Kannst du heute Abend babysitten? Du weißt, Keanu will nicht mit seiner Schwester allein im Haus bleiben.«
   »Der Junge ist wirklich groß genug, Susanne. Als du zwölf warst, bist du mit deinen Schwestern auch schon allein zu Hause geblieben.«
   Jetzt fängt die Leier wieder an. Ich verdrehe die Augen vor dem Garderobenspiegel. Wir haben kein schnurloses Telefon, deshalb telefonieren wir im Flur, wo die Telefonbank neben der Garderobe steht. »Ja, Mama, ich weiß. Aber Keanu …«
   »Keanu ist noch dazu ein Junge. Du verwöhnst die Kinder viel zu sehr.«
   »Also kommst du oder nicht?«
   »Wenn du die Kinder nicht erst so spät gekriegt hättest, dann wären sie jetzt schon viel größer.«
   Ich lasse meine Stirn gegen die Holzumrandung des Spiegels sinken.
   »Und dann auch noch mit sechs Jahren Abstand. Was ist das für ein Geräusch, Susanne?«
   »Das ist nur mein Kopf, den ich gegen die Wand haue.« Schweigen. »Mama? Kommst du heute Abend?«
   Ein Räuspern. »Na gut, ich komme. Die Kinder können ja nichts dafür. Und was ist mit morgen Nachmittag? Nachmittags wird Keanu doch keinen Babysitter brauchen?«
   »Nein, aber er muss zum Handballtraining. Und bevor du jetzt wieder loslegst: Nein, ich will nicht, dass er bei diesem Regen mit dem Fahrrad fährt. Und eine Busverbindung gibt es nicht.«
   Meine Mutter lacht. Nanu? »Gut, ich bringe ihn hin. In Ratzenbach wollte ich eh noch was erledigen.«
   In Ratzenbach? In dem Kaff will Mama was erledigen? Dort gibt es doch nichts außer ein paar Häuschen und der großen Mehrzweckhalle. Ich zucke die Schultern. Kann mir ja egal sein. Jedenfalls wären die Termine damit organisiert. Ich kann Lina schnell zum Kindergarten bringen und mich dann meiner Arbeit widmen.

Hochkonzentriert bin ich dabei, dem Schweinchen seine grünen Streifen zu verpassen, als das Telefon klingelt. Ich schrecke auf und sehe zur Uhr. Schon fast zwölf. Mist, das letzte Bild ist noch nicht fertig. Und das Grün kriege ich mit den Aquarellfarben im Leben nicht mehr so hin.
   Ich renne in den Flur und nehme den Hörer ab. »Hallo?«
   »Guten Tag, liebe Susanne. Hier ist der Matthias.«
   Mein Schwiegervater. Mit seiner kernigen Stimme stößt er die Wörter aus, als wären es polierte Edelsteine. Ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Deutschlehrer. Er war einer der alten Schule – streng aber anspruchsvoll. Eine saubere Aussprache geht ihm über alles. Und er legt Wert auf eine angemessene Begrüßung.
   »Guten Tag, Matthias. Wie geht es dir?« Was er wohl will?
   »Mir geht es gut, danke. Und dir?«
   »Auch gut, danke. Was kann ich für dich tun?« Damit ist dem Ritual Genüge getan, und er kann den netten Typen herauskehren, den er irgendwo tief im Innern unter Verschluss hält.
   »Hör mal, Susanne. Wegen des Umbaus …«
   »Ja?«
   Wegen des Umbaus? Opa Matthias hatte kürzlich einen Wasserrohrbruch, was etliche Reparaturmaßnahmen mit sich brachte. Da das untere Stockwerk auf dem Kopf stand, beschloss er, gleich das ganze Haus umbauen zu lassen. Neue Fenster, neue Bäder und eine neue Heizung müssen her. Bis zu Oma Rosemis Siebzigstem im Herbst soll alles fertig sein. Ich bewundere meine Schwiegereltern für ihren Tatendrang. Sie werden einiges aushalten müssen, solange sie in einer Baustelle wohnen.
   »Also, ich weiß nicht genau, ob meine Wanderschuhe noch gut sind. Deine Schwiegermutter meint, ich müsse mir neue kaufen. Was denkst du?«
   Schwerfällig setzen sich die Rädchen in meinem Kopf in Gang. Wanderschuhe? Was haben die mit dem Umbau zu tun? Und was mit mir? Ist Opa Matz (so dürfen ihn natürlich nur die Kinder nennen) wirr? Nein, das kann nicht sein. Ein fieses Grummeln tief in meinem Bauch sagt mir, dass da etwas nicht stimmt. Und dieses Etwas könnte sich als Problem herausstellen. Die Rädchen in meinem Kopf drehen sich und drehen sich, aber sie bringen nichts hervor, was ich meinem Schwiegervater antworten könnte.
   »Susanne?« Er klingt besorgt.
   »Siehst du, ich habe dir ja gesagt, du solltest besser Axel fragen.« Ich höre die Stimme meiner Schwiegermutter im Hintergrund.
   »Hm, tja, also, ich weiß nicht. Wollt ihr denn in die Berge?« Meine Stimme klingt gepresst. Das macht dieses sichere Gefühl eines Tsunamis, der unaufhaltsam näher kommt, und von dem ich noch nichts sehen kann.
   »Wir sind wegen des Umbaus beim Aussortieren, weißt du? Meine Wanderschuhe sind alt, und deine Schwiegermama fordert, dass ich sie wegwerfe.«
   »Ja, wenn sie meint.« Ich atme auf. Was hat mir mein Unterbewusstsein da für einen Fehlalarm geschickt?
   »Wir müssen ja einen Teil des Gepäcks mit zu euch bringen«, sagt Matthias mit fröhlicher Stimme. »Und die Wanderschuhe nehmen so viel Platz weg.«
   Mir wird schlecht. »Wie bitte?«, frage ich.
   Im Hintergrund quiekt es. Ich habe eine bildhafte Vorstellung vor Augen: Oma Rosemi schlägt sich die Hand vor den Mund. Das tut sie immer, wenn sie sich verplappert und etwas Richtiges zum falschen Zeitpunkt ausposaunt. Ich liebe sie für ihre Ehrlichkeit. Doch dieses Mal ist es wohl mein Schwiegervater, der etwas zum falschen Zeitpunkt verrät. Also hat mein Unterbewusstsein recht gehabt. Ich sehe im Spiegel, wie die Farbe aus meinem Gesicht weicht. Was zur Hölle hat Axel hinter meinem Rücken eingefädelt?
   »Aber liebste Susanne, wir ziehen doch für die Zeit des Umbaus zu euch.« Der Satz hallt im Flur wider, als hätte ich ihn mit hundertfacher Verstärkung über den Lautsprecher gehört. Was?
   »Äh, ja, ach so. Dann kauf dir am besten ein Paar neue Wanderschuhe, wenn die anderen schon so alt sind.« Total konfus schießen mir allerlei Horrorbilder durch den Kopf. Wir alle sechs beim gemeinsamen Essen, beim Fernsehen, abwechselnd vor der Badezimmertür. O Gott, was hat sich Axel dabei gedacht? Mechanisch lege ich den Hörer auf und ignoriere absichtlich Schwiegervaters Susanne-Rufe. Wie eine Schlafwandlerin schlurfe ich zurück in mein »Atelier« (auch als Gästezimmer verwendbar) zu den Schweinchen und nehme mir den Pinsel. Das Schweinchen mit den grünen Streifen bekommt ein entsetztes Gesicht. An diesem Ausdruck habe ich so lange gefeilt, jetzt passt er. Das Schweinchen ist auf eine Party eingeladen worden, und man hat ihm gesagt, es solle sich verkleiden. Aber als es auf der Party ankommt, hat es sich als Einziges lustig herausgeputzt.
   Ich lege den Pinsel zur Seite und verschließe alle Farben. Die Gedanken lassen mich nicht mehr los. Meine Schwiegereltern hier bei uns. Für die Zeit des Umbaus. Mindestens drei Wochen.
   Mein Mann Axel wird zum Filius, sobald seine Eltern in der Nähe sind. Keanu, unser Sohn, ist in einem kritischen Alter. Er versteht sich zwar gut mit seinen Großeltern, aber sein Benehmen sorgt regelmäßig für Anstoß. Anscheinend haben Matz (es bereitet mir eine gewisse Genugtuung, ihn in Gedanken bei dem verhassten Spitznamen zu nennen) und Rosemi vergessen, wie sich Axel und sein Bruder als vorpubertierende Kinder gebärdet haben. Lina, das süße Nesthäkchen der Familie, ist ein pflegeleichtes Kind. Offenbar haben wir bei ihr alles richtig gemacht.
   Und ich will unbedingt wieder voll einsteigen, mehr Aufträge für Illustrationen an Land ziehen. Auf allzu viel Verständnis treffe ich nicht in meinem Umfeld. »Illustratorin? Vorzugsweise für Kinderbücher? Ach, wie süß. Dann können Sie schön zu Hause inmitten Ihrer Kinderschar sitzen und Bilder für die Kleinen malen. Ich muss ja immer zur Arbeit fahren.« Leider kann ich nur dann wirklich konzentriert arbeiten, wenn das Haus absolut leer ist. Deshalb bin ich meinen Schwiegereltern überaus dankbar, dass sie freitags beide Kinder nehmen. Sie kommen extra aus der Stadt, um die beiden von Kindergarten und Schule abzuholen. Abends bringen sie sie wieder nach Hause, und zwar nach dem Essen. So habe ich den Freitag immer komplett zum Arbeiten. Axel geht freitagabends mit seinen Kumpels Musik machen. Es ist normalerweise mein wichtigster Tag in der Woche. Nur richten sich die Verlage, meine Auftraggeber, mit den Erscheinungsterminen ihrer Bücher nicht immer nach meinen Freitagen. So arbeite ich oft nachts, was wiederum unser Liebesleben leiden lässt.
   Bin ich undankbar? Wieso stört mich der Gedanke, dass meine Schwiegereltern für ein paar Wochen hier wohnen werden, so sehr? Das wird wohl zu schaffen sein.
   Aber drei Wochen. Am Stück. Meine Freitage kann ich dann ja wohl vergessen. Und nicht nur die Freitage. Ich stelle mir vor, Opa Matz und Oma Rosemi sind genau jetzt hier. Sie schlafen im Gästezimmer. Ich muss mich setzen. Gibt es eine Steigerung von Horror?
   Nach einem Moment der Trauer um meine Freitage rapple ich mich wieder auf und wähle die Nummer von Axels Handy.
   »Sanne? Was ist denn? Ich bin in einer Besprechung.«
   Hätte ich auch wissen können. Aber ich muss es loswerden, es duldet keinen Aufschub. »Sag mal, hast du deine Eltern eingeladen, während des Umbaus bei uns zu wohnen?«
   Axel stöhnt. »Ja klar, das haben wir doch besprochen.« Das haben wir besprochen? Das wüsste ich. Mir fällt darauf keine Antwort ein. »Sanne? Bist du noch dran? Ich muss jetzt Schluss machen. Lass uns darüber reden, wenn ich wieder zu Hause bin.«
   »Wie wäre es mit heute Abend?« Ich will den Elternabend eh so früh wie möglich verlassen.
   »Nein, wir gehen essen, ich habe keine Zeit zum Telefonieren. Übermorgen. Ciao, Küsschen.«
   Ich schmatze ins Telefon und lege auf.

Die letzte Illustration zu malen kostet mich mehr Nerven als alle vorherigen zusammen. Immer wieder erhält das veräppelte Schweinchen mein Gesicht, und alle anderen Schweine sehen aus wie der Rest der Familie. Der schadenfrohe Gastgeber gleicht Axel. Auwei, das werden sie nicht mögen, wenn sie es sehen. Also knülle ich den teuren Aquarellbogen zusammen und werfe ihn in den kalten Kamin. Verbissen mache ich einen neuen Anlauf. Es bleibt nur noch wenig Zeit, bis Keanu nach Hause kommt und ich Lina bei meiner Mutter abholen muss. Außerdem schließt die Postfiliale schon um halb fünf. Endlich gelingt mir das letzte Motiv – mehr schlecht als recht. Aber ich habe keine Wahl, keine Zeit mehr. Es muss ja auch noch trocknen.
   Hastig krame ich den Föhn aus dem Badezimmerschrank und puste das Bild trocken. Es wellt sich. Jetzt noch rasch einscannen. Wäre nicht das erste Bild, das auf dem Postweg verloren geht. Mir ist das noch nie passiert, aber ich habe schon Horrorgeschichten von geplatzten Aufträgen gehört. Bis der Rechner endlich hochgefahren ist, vergehen Stunden. Oder sind es doch nur ein paar Minuten? Der Scanner spielt verrückt. Mir bricht der kalte Schweiß aus.
   Am Ende bin ich total verschwitzt, also springe ich unter die Dusche. Als ich meine Haare föhne, beglückwünsche ich mich, wie so oft, zu dem Bubikopf, den ich mir nach Linas Geburt habe schneiden lassen. Wieder mal sehe ich aus wie Papageno, meine Lieblingsfigur aus der Zauberflöte. Ich summe ein paar Takte, da höre ich auch schon Keanus Schritte auf der Treppe.
   »Mam? Ich bin da.«
   »Ich bin noch im Bad. Alles klar bei dir?«
   »Ja, alles prima.«
   Ich gehe auf den Flur und schiele über das Treppengeländer, nur um zu sehen, wie er seine Turnschuhe und seine Jacke zu einem kreativen Muster auf dem Teppich arrangiert, indem er sie großflächig verstreut.
   »Kee«, rufe ich aus und eile hinunter, mir die leichte Regenjacke überziehend.
   »Jaja, schon gut«, murmelt er und schiebt mit den strumpfsockigen Füßen alles zu einem Haufen in einer Ecke zusammen. Ich habe nicht den Nerv, ihn zu maßregeln, und lasse die Sachen liegen. Er will sich gleich in sein Zimmer verdrücken, doch ich halte ihn am Arm zurück.
   »Komm mal eben mit in die Küche.«
   Ich setze mich auf die Stuhlkante und bedeute ihm, sich ebenfalls hinzusetzen.
   Er macht ein fragendes Gesicht. »Was ist denn? Habe ich was angestellt?« Wieso denkt er als Erstes an so etwas?
   »Nicht, dass ich wüsste. Aber sag mal, weißt du etwas davon, dass Oma und Opa während des Umbaus bei uns wohnen werden?«
   Er runzelt die Stirn. Seine Stimme bekommt diesen respektlosen, genervten Unterton, den ich für einen Zwölfjährigen absolut verfrüht finde. »Ja klar.« Er macht eine ausschweifende Bewegung mit dem linken Arm. »Du hast nichts dagegen gehabt. Und mich hat keiner gefragt.«
   Ich falle aus allen Wolken. »Wie, ich habe nichts dagegen gehabt?« Meine Stimme wird leicht schrill. »Ich weiß überhaupt nichts davon!«
   »Boah, Mam, Papa hat doch Lina geschickt, um dich zu fragen.«
   Mein Gehirn fängt an, zu rattern. Lina geschickt? Mich zu fragen? Verdammt. Lina plappert den lieben langen Tag. Und sie bettelt ständig um irgendwas. Mit Vorliebe, wenn ich telefoniere, zum Beispiel mit einem Verlag oder einem Kinderarzt oder einer Freundin, die mir ihr Lebenschaos beichtet. Ich habe es längst aufgegeben, immer genau auf das zu hören, was Lina mir erzählt. Lediglich am Tonfall erkenne ich, wenn sie mir eine Frage gestellt hat. »Sag mal, Mama … jetzt sag doch mal …, darf ich …?« Das zieht sie so lange durch, bis ich total entnervt nur noch abwesend lächelnd nicke und sie liebevoll zur Seite schiebe.
   »War ich am Telefon, als sie mich danach fragte?«
   »Nein«, sagt Keanu, »aber es war an dem Tag, an dem du nachmittags gemalt hast und wir alle zu Hause waren.«
   Noch schlimmer. Hatte ich erwähnt, dass ich zum Arbeiten absolute Konzentration brauche? Obwohl ich eine Frau bin, bin ich nicht hundertprozentig multitaskingfähig, das gebe ich zu meiner Schande zu. Ich glaube, dieses blöde Multitaskinggerücht hat sowieso ein Mann in die Welt gesetzt, um sich an den Frauen für irgendwas zu rächen. Und wir müssen das jetzt ausbaden. Wenn Lina mich also beim Malen angesprochen hat, dann ist alles klar. Dann habe ich nicht mitgekriegt, dass sie mich vor eine lebenswichtige Entscheidung gestellt hat. Und das Schlimmste: Axel hat das ganz genau gewusst, wenn nicht gar geplant.
   Mir steigt die Hitze in die Wangen. So ein Judas. Das habe ich also von seiner ehelichen Solidarität zu halten. Schade, dass ich die Illus jetzt alle fertig habe. Ich hätte dem fiesesten Fiesling der Geschichte sonst konsequent Axels Gesicht verpasst. »Na warte, wenn der mir nach Hause kommt …«, presse ich hervor.
   Keanu lacht sichtlich freudlos. »Mam, das hast du dir ganz allein zuzuschreiben. Du hörst eben nie zu. Weder Lina noch mir.«
   Das sitzt. Umso mehr, als er nicht ganz unrecht hat. Noch dazu benutzt er eins zu eins meine eigenen Worte, die meine Kinder fast täglich zu hören bekommen. Eine innere Stimme piepst in meinem Ohr. Wiesu denn bluß? Seit ich mit Keanu und ein paar Jahre später mit Lina Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren wiederentdeckt habe, meldet sich in meinem Kopf ein kleiner Rumpelwicht und flüstert in Momenten des größten Chaos seine Fragen.
   Ich sehe zur Uhr. O Gott, höchste Zeit. Ich springe auf und rolle die fertigen Bilder zusammen, packe sie in die Versandröhre und klebe das Adressetikett auf. Neben meinem Absender prangt eine Miniaturausgabe des grün gestreiften Schweinchens.
   »Kee, ich muss los, kommst du mit?«
   »Nein, du bist ja gleich wieder da, oder?«
   »Ja, ich bringe nur die Illus zur Post und hole Lina bei Oma ab.«

Lina öffnet mir die Tür. »Mama«, ruft sie in ihrer freudigsten Stimmlage und wirft sich mir in die Arme.
   »Vorsicht, Schatz, ich bin klatschnass. Mistwetter.« Ich stelle den Schirm neben die Haustür und trete in den Flur. Meine Mutter kommt aus der Küche.
   »Hallo Susanne. Na, hast du deine Illustrationen fertig gekriegt?«
   Ich gehe an ihr vorbei in die Küche und setze mich auf meinen ehemaligen Platz auf der Eckbank. »Machst du mir noch schnell einen Kaffee?«
   Mama zieht die Brauen hoch und holt einen Filter aus dem Oberschrank. Ich stöhne und werfe einen verstohlenen Blick auf die Sensibla-Maschine. Sie steht neben der uralten klassischen Kaffeemaschine in der Ecke auf der Arbeitsplatte, glänzend und unbenutzt wie an dem Tag, an dem ich sie ihr geschenkt habe.
   »Lass mal, Mama, ich mache mir selbst einen. Wo hast du denn die Kaffeepads?«
   Sie schnaubt und angelt aus der hintersten Ecke des Schranks die Packung mit den Pads hervor. Ich schalte die Maschine ein. Der Tank ist natürlich leer. Also halte ich ihn unter den Wasserhahn und lasse ihn bis zur Markierung volllaufen.
   »Was ist denn nun? Bist du fertig geworden?«
   »Hm?« Ach ja, die Illus. Die habe ich mit dem Abgeben auf der Post in die Welt des Vergessens entsandt. »Ja, ich habe sie schon weggeschickt. Nimmst du auch eine Tasse?«
   »Nein, du weißt, dass ich das Gebräu nicht mag. Ist mir viel zu bitter.«
   Also setze ich den Träger für ein Pad ein, fülle ihn und brühe mir eine herrlich duftende Tasse Kaffee auf.
   »Hast du noch etwas auf dem Herzen, mein Mädchen?«
   Das ist die Mutter, die ich liebe. Gerade heute brauche ich ihr Verständnis. »Ja, da ist tatsächlich etwas. Stell dir vor, Axel hat seine Eltern eingeladen, für die Zeit der Renovierung bei uns zu wohnen«, platze ich heraus und komme zu spät auf den Gedanken, dass das etwas heikel sein könnte. Schließlich ist sie meine Mutter. Sie würde gern mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Wie wird sie es auffassen, wenn meine Schwiegereltern so lange rund um die Uhr mit uns leben werden?
   Sie lacht auf, ein wenig abgehackt.
   Lina springt herbei und setzt sich auf Omas Schoß. »Ja, stell dir nur vor, Opa Matz und Oma Rosemi wohnen bei uns. Willst du auch?«
   Mir wird heiß und kalt. Das fehlte noch. »Lina, geh du mal deine Schuhe und deine Jacke suchen.« So schicke ich den kleinen Sonnenschein nach draußen. Obwohl, diese kindliche Frage wird meine Mutter doch nicht ernst nehmen. Wird sie doch nicht?
   »Bei mir hängt sie ihre Jacke immer ordentlich an die Garderobe, wie es sich gehört, und ihre Schuhe stellt sie immer auf die Schmutzfangmatte. Das weißt du doch.« Ihr tadelnder Unterton sagt mir, dass ich das als Vorstand meines eigenen Haushaltes wesentlich weniger gut im Griff habe als sie. Aber das liegt sicher daran, dass ich viel zu spät die Kinder gekriegt habe. Und dann noch mit sechs Jahren Abstand.
   Ich seufze. »Jetzt sag doch mal was dazu.« Ich nippe am Kaffee. »Igitt, der ist ja total bitter.« Die Kaffeepads sind schon vor einem Jahr abgelaufen, wie mir ein Blick auf die Packung verrät.
   »Sage ich doch. Jetzt gibst du es endlich selbst zu. Und zu der anderen Sache, was soll ich denn dazu sagen? Das ist doch ganz normal. Übrigens haben deine Schwestern mich auch schon mal zu sich eingeladen, für eine Woche jeweils. Das hat uns allen sehr gefallen damals.« Mist.
   »Au ja, Omi, ich will, dass du bei uns wohnst. Darf sie, Mama?« Mist. Mist. Klar, meine Schwestern haben sie schon zu sich eingeladen. Kunststück – die wohnen ja auch ziemlich weit weg. Es wäre ja wohl absurd, wenn meine Mutter zu uns in die Nachbarstraße in Urlaub käme. »Hm, ja, ich weiß. Linamaus, geh, zieh doch schon mal deine Jacke und die Schuhe an.«
   »Nur keine Bange, mit euch allen würde ich eh nicht zusammenwohnen wollen. Viel zu viele Leute. Mit euch vieren allein, ja, das könnte ich mir schon eher vorstellen.« Ihr Blick wird wehmütig, und sie tut mir leid. Ich stehe auf und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
   »Vielleicht ein andermal. Bis später dann, ja?«
   Sie nickt und begleitet mich zur Haustür. Lina hat sich ihre Sommerjacke über gezogen, springt in der Einfahrt herum und schwenkt meinen Schirm. »Wie bär, wie bär rock ju«, singt sie dabei aus voller Kehle.
   Obwohl es mir mies geht, denn nun hat mich auch noch das schlechte Gewissen in den Klauen, muss ich bei ihrem Anblick lächeln. Meine Mutter winkt Lina zu und geht ins Haus.
   »Mama?«, rufe ich. Sie öffnet die Tür, die sie schon geschlossen hatte, und späht durch den Spalt.
   »Ja?«
   »Alles klar?«
   »Klar. Weißt du, du bist mir ähnlicher, als du denkst. Ich verstehe dich.« Sie lächelt und schließt die Tür.
   »Mama, ich finde, Oma Hilde sollte auch mal bei uns wohnen«, sagt Lina, als wir in meine alte Ente einsteigen.